Perspektiven des Kunststoffrecyclings: 2030

Um Aussagen über die mögliche künftige Entwicklung des Marktes für Rezyklate treffen zu können, untersucht das RWI in vier Szenarien bis zum Jahr 2030 den Einfluss verschiede­ner relevanter Rahmenbedingungen. Diese Szenarien bieten erstmals eine Grundlage, um die ökonomischen Potenziale des Kunststoffrecyclings fundiert abschätzen zu können.

BASISSZENARIO

Grafik Basis-Szenario

Im BASISSZENARIO wird auf Grundlage ökonometrischer Verfahren die weitere Entwicklung abgeschätzt, die sich ohne Veränderung der gegenwärtigen institutionellen Rahmenbedingungen und einer unveränderten Marktstruktur ergeben würde.

Szenario 1

Grafik Szenario 1

In SZENARIO 1 wird auf der Grundlage von Schätzungen der LVP-Kunststoffmengen die Marktentwicklung dargestellt, die sich bei einer Erhöhung der Quoten und der Nutzung technischer Potenziale für Sortierung, Trennung und Aufbereitung ergäbe.

Szenario 2

Grafik Szenario 2

In SZENARIO 2 wird das Recycling stoffgleicher Nichtverpackungen mit berücksichtigt.

 

 

Szenario 3

Grafik Szenario 2

In SZENARIO 3 werden die Auswirkungen einer günstigen Marktentwicklung und einer erhöhten Produktqualität auf die Nachfrage nach Recyclingkunststoffen und die davon ausgehenden Auswirkungen auf das Marktvolumen untersucht.

Der Markt für Kunststoffrezyklate hat erhebliches Potenzial

Die Ergebnisse zeigen, dass Kunststoff­recycling in Deutschland erhebliches ­Potenzial birgt. Im Jahr 2014 lag das Marktvolumen für Kunststoffrezyklate bei 189 Millionen Euro. Im Basisszenario wächst der Markt für Regranulate bis 2030 um 119 Prozent auf 414 Millionen Euro – bei unveränderten Strukturen und Nachfragebedingungen. Durch die Nutzung der technischen Möglichkeiten, verbesserte Rahmenbedingungen und eine günstige Nachfrageentwicklung ist gegenüber diesem Basis­szenario sogar eine Verdreifachung des Marktvolumens auf dann über 1,4 Milliarden Euro möglich. Gegenüber 2014 würde dies einem mehr als siebenfachen Markt­volumen entsprechen.

Neue Kundengruppen zu erschließen, ist jedoch eine Voraussetzung für eine solche Entwicklung.
Bemerkenswert ist dabei das Potenzial, das das System bereits heute birgt. Denn die Szenarien unterstellen ­einerseits keine substantiellen technologischen Weiterentwicklungen, sondern lediglich den flächendeckenden Einsatz der heute führenden Technik. Andererseits sind die in den Szenarien berücksichtigten Veränderungen der Rahmenbedingungen bereits lange in der politischen Diskussion und könnten im Rahmen des Verpackungsgesetzes, das unter anderem ambitioniertere Quoten vorsieht, teilweise bereits in Kürze eintreten.

Gegenüberstellung der Berechnungen pro Szenario bis 2030

Der ökonomische Nutzen des dualen Systems könnte weiter steigen

Der heutige ökonomische Nutzen des dualen Systems von circa 960 Millionen Euro könnte bei konsequenter Nutzung der vorhandenen Potenziale weiter steigen. Durch eine zusätzliche Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen – durch höhere Quoten und die Einführung der Wertstofftonne – würde der ökonomische Nutzen des dualen Systems sogar auf circa 1,33 Milliarden Euro steigen. Diese Maßnahmen würden zwar auch höhere Systemkosten nach sich ziehen. Der Nettonutzen des dualen Systems würde dennoch ­erheblich zunehmen. 

Unternehmen berücksichtigen zunehmend ökologische Faktoren und öffnen damit Märkte für Premium-Rezyklate

Gleichzeitig ist die Bereitschaft der Verpackungshersteller, auch aus Nachhaltigkeitsgründen Sekundärkunststoffe einzusetzen, deutlich gestiegen. Denn das ökologische Image von Unternehmen wird immer ­wichtiger und in unternehmerischen Entscheidungen ­gewinnen Corporate Social Responsibility und Instrumente wie Produktökobilanzen zunehmend an Gewicht. Wird die Verfügbarkeit von Rezyklaten zu konstanten Qualitäten ausgebaut, ergeben sich dadurch neue Märkte für Premium-Rezyklate. Der ökologische Vorteil, der durch Recyclingmaterialien erzielt wird, kann auch dazu beitragen, den Preis für Rezyklate weiter an den Primärgüterpreis anzugleichen.

Schlussfolgerungen und Empfehlungen

Kunststoffrecycling birgt in Deutschland immenses Potenzial. Ein funktionierender Markt für Rezyklate hat sich bereits etabliert, vor allem im Bereich einfacher Anwendungen. Die Nachfrage nach Premium-Rezyklaten nimmt aber stetig zu.

Neue Anwendungsbereiche werden erschlossen – noch häufig im Rahmen von Leuchtturmprojekten. Die Studie des RWI zeigt, dass das Recycling von Post-Consumer-LVP in Deutschland an einem wichtigen Wendepunkt steht. Märkte für Premium-Rezyklate im industriellen Maßstab zu erschließen, würde einem Durchbruch gleichkommen. Dass dies nicht nur ökologisch, sondern auch aus ökonomischen Erwägungen sinnvoll ist, verdeutlichen die Ergebnisse der Studie ebenso.

Das Prinzip, Kreisläufe zu schließen und mehr Wertstoffe zu recyceln, anstatt sie der Verbrennung zuzuführen, sollte daher ambitioniert vorangetrieben werden. Denn Investitionen sind notwendig, um Märkte für Premium-Rezyklate zu erschließen und das Potenzial des dualen Systems vollständig zu nutzen. Noch bestehen Fehlanreize und die bestehenden Rahmenbedingungen haben zu einem Investitionsstau geführt.

Höhere Quoten und faktische Verbesserungen im Vollzug (echte Fachaufsicht und die Möglichkeit der konsequenten Sanktionierung aller Akteure bei Fehlverhalten), aber auch die stärkere Berücksichtigung ökologischer Faktoren bei der Gestaltung der Beteiligungsentgelte oder die Ausweitung der Produktverantwortung auf stoffgleiche Nichtverpackungen wären wichtige Impulse, um die ökonomischen Potenziale des Kunststoffrecyclings durch das duale System freizusetzen. Das Verpackungsgesetz kann hier eine maßgebliche Rolle spielen und der Entwicklung im Bereich des Recyclings einen entscheidenden Schub verleihen. Dies würde ein Mehr an Recycling bedeuten – und einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer echten Kreislaufwirtschaft.